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CD der Woche 04. Juni 2012

L'amore è una cosa semplice

Tiziano Ferro

Capitol / EMI

Mit dem schmissigen Tanzflächenknaller "Perdono" sorgte Tiziano Ferro vor über zehn Jahren weltweit für Furore. Auf seinem neuen Album "L'Amore è una cosa semplice" schlägt der italienische Sänger jetzt den Bogen von bewährtem Soul zu Balladenpop und Jazzklängen. Unsere CD der Woche.


Bild zum Album: Tiziano Ferro auf einem Ledersessel sitzend; Capitol/EMI


Am Anfang ist noch alles beim Alten. Die ersten Klänge auf dem neuen Album "L'Amore è una cosa semplice" knüpfen an das an, was man von Tiziano Ferro hierzulande noch kennt. Eine geschmeidige R'n'B-Ballade wie "Hai delle isole negli occhi" ("Du hast Inseln in deinen Augen") mit Jazzpiano und gniedelnden Gitarren, italienischen Zeilen voll heißblütiger Leidenschaft und reudzierte Beats -mit dieser eigenwilligen Mischung hat man den Sänger in Erinnerung behalten, seit sein Mega-Hit "Perdono" im Sommer 2001 über die Alpen und den Atlantik wehte und von den Eisdielen in Rimini bis zu den Pizzerien im Ruhrgebiet widerhallte.

In Italien ist Tiziano Ferro seither ein Superstar, der Stadien wie Klatschpalten füllt, Hits am Fließband produziert und von Paparazzi verfolgt wird - kurz: Einer der ganz Großen seines Landes, in einer Liga mit Jovanotti, Paolo Conte oder Gianna Nannini. Auch in Lateinamerika wird er gefeiert - obwohl er es sich bei seinen mexikanischen Fans mit ein paar missglückten Witzen fast völlig verscherzt hätte. Aber das ist eine andere Geschichte.


Musikalisches Erweckungserlebnis im Gospelchor

Geboren in Latina, in der Nähe von Rom, wuchs Tiziano Ferro in einfachen Verhältnissen auf. Sein musikalisches Erweckungserlebnis hatte er in einem Gospelchor, wo er seine Liebe zum US-amerikanischen Soul entdeckte. Seine ersten Versuche, beim prestigeträchtigen Songfestival von San Remo einen Fuß in die Tür zu bekommen, waren aber noch von wenig Erfolg gekrönt. Dass er einmal mit den großen Stimmen des Genres wie Mary J. Blige und Kenny Rowlands ins Studio gehen würde, hätte er sich damals sicher nicht träumen lassen. Doch mit "Perdono" änderte sich alles.

Seit seinem internationalen Durchbruch nimmt Tiziano Ferro stets spanische Versionen seiner Songs auf, um auch auf diesem Markt zu bestehen. Zuletzt sorgte er mit seiner Autobiographie, die im Oktober 2010 erschien, für Gesprächsstoff: "Trent'anni e una chiacchierata con papà" ("Dreißig Jahre und ein Gespräch mit meinem Vater") beruht auf Aufzeichnungen aus seinen Tagebüchern und handelt nicht zuletzt von seinem Coming Out - erst kurz zuvor hatte sich Tiziano Ferro öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt.


Geist des Italopop der Achtzigerjahre

Cover des Albums: Tiziano Ferro lächelnd von der Seite mit dem linken Arm am Kopf; Capitol/EMI Bild vergrößern

L'amore è una cosa semplice

Nur in Deutschland hat man Tiziano Ferro in den letzten Jahren ein wenig aus dem Blick verloren. Sein neues Album "L'Amore è una cosa semplice" ("Die Liebe ist leicht") soll das nun ändern. Allerdings präsentiert sich der 32-jährige darauf von einer anderen Seite als der, mit der er hier berühmt geworden ist. Obwohl das Album in Los Angeles aufgenommen wurde und sich der Sänger noch immer vom US-Soul und R'n'B inspiriert zeigt, ist dieser Einfluss etwas in den Hintergrund gerückt. Auf "L'Amore è una cosa semplice" dominieren Töne, die den Geist des Italopop der Achtzigerjahre atmen.

Das fängt schon mit dem Titelsong an - ein Schmachtfetzen, der auch einem Schmusebarden wie Eros Ramazotti nicht schlecht zu Gesicht gestanden hätte. Stimmgewaltig wirft sich Tiziano Ferro da in die Brust und bietet alles auf, was eine bombastische Ballade so ausmacht: Geigen! Große Oper! Starke Gefühle! Standesgemäß endet sie mit einem Tusch. Der Videoclip reiht dazu Bilder auf von Fallschirmspringern und Artisten in der Zirkuskuppel, die sich die Hände reichen, mit Video-Szenen von Männern, die ihren Freundinnen einen Heiratsantrag machen: Mehr Herz geht nicht.

Auch "La differenza tra me e te" ("Der Unterschied zwischen mir und dir") bietet viel zum Schmachten auf. In Italien war das die erste Single, die dem Album voranging, und Tiziano Ferro präsentiert sich darauf als romantischer Heißsporn, der getragen von sphärischen Gitarrenwolken gen Himmel stürmt. Schwer träumerisch ist ihm auch "L'ultima notte del mundo" ("Die letzte Nacht der Welt") geraten. Nur von hingetupften Pianoklängen umweht schwebt da sein Gesang in luftigen Höhen hoch über allem irdischen Leid. Das dazugehörige Video wurde in den österreichischen Alpen gedreht.


Mehr als ein Mann für nur eine Saison

Die Songtitel des Albums lesen sich, als seien sie einem Fotoroman entsprungen. Das nostalgische "Paura non ho" ("Ich habe keine Angst"), das von der italienischen Sängerin Irene Grandi stammt, klingt wie ein italienischer Chanson aus den Siebzigerjahren. Mit "Quiero vivir con vos" ("Ich möchte mit dir leben") erlaubt sich Tiziano Ferro einen Ausflug in Barjazz und Retro-Swing à la Frank Sinatra, mit "TVM" stattet er dem Bossa Nova einen Besuch ab, und mit "… Ma so proteggerti" ("Aber ich weiß dich zu beschützen") landet er sogar beim Blues. Nur am Rande klingt zeitgemäß etwas HipHop an: Im Song "La Fine" ("Das Ende"), den sich Tiziano Ferro vom italienischen Rapper Nesli geborgt hat, schlägt er einen Sprechgesang an, dessen Stil an das große Vorbild Jovanotti erinnert.

In Tiziano Ferros Heimat ist "L'Amore è una cosa semplice" bereits vor einigen Monaten erschienen, anschließend kam eine spanische Fassung des Albums heraus. Die Version, die jetzt in Deutschland erscheint, versammelt nun italienische und spanische Songs - und ein paar zusätzliche Beigaben. So gibt es etwa das Titelstück auch als Duett mit der deutschen Soulsängerin Cassandra Steen zu hören. Außerdem enthält es eine englische Ausgabe von "Smeraldo", die der italienische Beau mit seinem US-amerikanischen R'n'B-Kollegen John Legend aufgenommen hat. Tiziano Ferro möchte mehr als nur ein Mann für eine Saison sein. Nun muss sich zeigen, ob es auch hierzulande zu einem zweiten Sommerhit reicht.
(Daniel Bax)



TitelL'amore è una cosa semplice
VertriebCapitol / EMI



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