Freitag, 24.05.2013
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Musik
Sweet Jamaica
MV Music / Groove Attack
Wenn seine nasale Stimme erklingt, geht es ab auf der Tanzfläche. Jahrelang war Mr. Vegas als Garant für Dancehall-Hits bekannt. Auf seinem neuen Doppel-Album "Sweet Jamaica" widmet er sich nun auch den großen Reggae-Klassikern - und nimmt sie in neuem Gewand auf. Unsere CD der Woche, eine Reise in fünf Jahrzehnte jamaikanischer Musikgeschichte.
"If you love Jamaica let me see your hand!" fordert Mr. Vegas im Titelstück von "Sweet Jamaica". Und eins ist klar: Da gehen alle Hände in die Luft. Der Ohrwurm an der Seite von Weltstar Shaggy und der Dancehalllegende Josey Wales ist wohl eine der schönsten Oden an die Karibikinsel. Das Mr. Vegas das neue Album seiner Heimat widmet hat einen besonderen Grund. Jamaika feiert dieses Jahr am 6. August den 50. Jahrestag seiner Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft. Und passend dazu machte Mr. Vegas seiner Heimat ein musikalisches Geschenk. Auf "Sweet Jamaica" präsentiert er fünf Jahrzehnte jamaikanischer Musikgeschichte. Gospel, Soul, Ska, Rocksteady, Reggae und Dancehall sind die Stationen einer Reise, die aufregend ist wie der erste Besuch auf einer Straßenparty in Kingston.
Dabei wären wir fast nicht in den Genuss dieses Albums gekommen. Denn 2008 verkündete Mr. Vegas, dass er sich aus dem Musikbusiness zurückziehen wolle. Streitigkeiten mit Musikerkollegen und Geschäftspartnern brachten ihn zu diesem Entschluss. Doch gerade als er seine Karriere an den Nagel hängen wollte, wurde das Stück "I Am Blessed" veröffentlicht. Der Song verbindet den Dancehall-Groove mit Gospelgesang, Reggaefans auf der ganzen Welt waren begeistert. Die überwältigenden Reaktionen veranlassten Mr. Vegas weiterzumachen, "Sweet Jamaica" ist der erste Longplayer den Mr. Vegas seit dem veröffentlicht. Passend zum Comeback bringt Mr. Vegas hier auch einige alte Klassiker der jamaikanischen Musikgeschichte zurück. Zeitlose Songs, die dafür sorgten dass der Sound einer kleinen Karibikinsel um die Welt ging. Dafür holte sich Mr. Vegas Unterstützung von einigen der besten Musiker der Insel. Alte Recken wie Sly & Robbie und Steelie and Clevie sind dabei, sowie Jungspunde wie die Band C-Sharp. Sie alle halfen Vegas bei der Umsetzung seiner musikalischen Vision.
Los geht es in den 60ern. Es gab noch keinen Reggae, die Jamaikaner begeisterten sich für US-R'n'B, passend dazu singt Vegas hier "You Make Me Very Happy" von der Soullegende Brenda Holloway. Auf die Idee kam damals auch schon Alton Ellis, einer der wichtigsten Figuren des Rocksteady, einer ruhig schunkelnden Musik, die Ende der 60er in Jamaikana entwickelt wurde. Kein Wunder dass Mr. Vegas hier auch "Take It Easy" von Hopeton Lewis nachsingt, gilt der Song aus dem Jahre 1966 doch als einer der allerersten Rocksteady-Songs. Einen flotten Skarhythmus hört man auf "Things Ruff", einer Coverversion von Jimmy Cliffs Welthit "You Can Get It If You Really Want". Hier zeigt sich auch das Songwriter-Talent von Mr. Vegas, denn er hat den Text komplett umgeschrieben und beschreibt eindrucksvoll die aktuellen Sorgen seiner Landsleute. "Gimme A Light" liegt Desmond Deckers "Israelites" zugrunde. Aus dem Protestsong wurde eine Comedynummer über einen Dauerkiffer, bei allem Humor regt der Song aber auch zum Nachdenken an. Dazu kommen noch Eigenkompositionen im klassischen Roots Reggae-Style, wie zum Beispiel "Alive And Well" an der Seite des Rootssängers Luciano.
Doch es reicht Mr. Vegas nicht nur den musikalischen Wurzeln zu huldigen, er will alle Aspekt des Lebens in Jamaika thematisieren. Auf der zweiten CD des Doppel-Albums führt Mr. Vegas uns in die Gegenwart. Direkt in die Dancehall, wo die DJs die Tänzer mit frechen Sprüchen und neuen Hype-Tunes animieren und wo sich schwitzende Leiber beim Vollführen expliziter Dancemoves verknoten. Man hört hier den klassischen Dancehallgroove, einige Referenzen an die Neunziger Jahre, aber auch turboschnelle technoide Basslines, die dafür sorgen, dass kein Bein stillsteht. Neben Hymnen für das schöne Geschlecht schlägt Vegas aber auch ernstere Töne an, wenn er auf "Black And Proud" politische Botschaften auf einem tanzbaren Beat singt.
Ein Riesenhit in der Karibik ist zur Zeit "Bruk It Down", ein Song zu dem es auch einen aufreizenden Tanz gibt. Auf Youtube kursieren neben dem offiziellen Clip etliche Videos in denen junge Frauen zu dem Stück ihren Allerwertesten schütteln. In der Karibik gab es sogar eine kontroverse Diskussion, ob der Song nicht der öffentlichen Moral schadet. Doch solche Songs gehören auch zur Kultur Jamaikas, genauso wie der Gospel der Kirchgänger. Der schlägt sich in den beiden letzten Stücken nieder, dem melodiösen "God On My Side" und der Liveversion von "I Am Blessed", die diese musikalische Rundfahrt fulminant abschließen. Nach all den Höhen und Tiefen seiner Karriere hat Mr. Vegas mit "Sweet Jamaica" sein durchdachtestes und bestes Werk abgeliefert. Er ist Reiseführer, Ladiesman und Dancehall-Entertainer in Personalunion und deckt mühelos eine große stilistische Bandbreite ab. "Sweet Jamaica" ist nicht nur was für Reggaeliebhaber, sondern schlicht und ergreifend eine der tollsten Partyplatten 2012.
(Adrian Nowak)
| Titel | Sweet Jamaica |
|---|---|
| Vertrieb | MV Music / Groove Attack |
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