Sonntag, 19.05.2013
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Musik
"Out Of Many – 50 Years of Reggae Music"
VP Records
Jamaika feiert am 6. August 50 Jahre Unabhängigkeit von der alten Kolonialmacht England. Ein willkommener Anlass für das weltweit größte Reggae-Label VP Records mit einer CD-Box zurückzublicken. "Out Of Many: 50 Years Of Reggae Music" ist unsere CD der Woche. Label-Gründerin Patricia Chin erinnert sich, wie Reggae es von der kleinen Insel in die ganze Welt geschafft hat.
"Out of many, one people" lautet das Nationalmotto Jamaikas, um die multi-ethnische Bevölkerung des Landes zu beschreiben und zu feiern. Obwohl über 90 Prozent der Jamaikaner Nachfahren versklavter Menschen aus Afrika sind und dort nur kleine Minderheiten von Indern, Chinesen, Syriern, Iren, Engländern oder Deutschen leben, soll das Motto die Einheit in der Vielfalt betonen. Auch die Gründer von VP Records, Vincent und Patricia Chin, sind Repräsentanten dieses Leitspruchs. "Ich bin halb Chinesin, halb Inderin", sagt die etwa 75-jährige Patricia Chin. "Mein Vater kam aus Indien und meine Großmutter aus China. In der Familie meines Mannes gab es auch Iren und Deutsche. Meine Enkel haben afrikanische, deutsche, chinesische und indische Wurzeln. Wir sind das Resultat eines Schmelztiegels." Der Titel der CD "Out Of Many" ist daran angelehnt, die Box selbst deckt das ganze Spektrum der jamaikanischen Musikgeschichte ab: Mento, Ska, Rocksteady, Roots Reggae, Lover's Rock, Modern Roots und Dancehall.
Als Jamaika 1962 unabhängig wurde, fand die Gesellschaft über die Musik zu einer nationalen Identität. Die Aufbruchsstimmung jener Zeit und das neu gewonnene Selbstwertgefühl spiegelten sich sowohl im flotten Ska der Skatalites, als auch im verlangsamten Tempo des Rocksteady wider, der mit Hopeton Lewis' "Take It Easy" eingeläutet wurde. Erst im Roots Reggae wurde die Desillusion über den wirtschaftlichen Niedergang, zunehmende Gewalt und Armut hörbar. Die Musik wurde aggressiver, militanter. Das apokalyptische "Two Sevens Clash" von Culture dokumentiert die damalige Untergangsstimmung.
Als Reaktion auf die Roots-Generation folgte Dancehall. Der musikalische Umbruch ging mit einem politischen Wechsel vom demokratischen Sozialismus zum Reagonomics-Kapitalismus einher. Die Jugend wandte sich von Politik ab und fröhnte dem Hedonismus, was Stücke wie Yellowmans "Zungguzungguguzungguzeng", Barrington Levys "Here I Come" oder später Shabba Ranks' prahlerisches "Mr. Loverman" belegen. In den Nullerjahren standen gesellschaftskritische Realitätsbeschreibungen von Tanya Stephens, spirituell Aufbauendes von I-Wayne und Sizzla neben Party-Stücken von Sean Paul oder Elephant Man.
Die musikalische Vielfalt von VP Records nahm ihren Anfang in den 1950er Jahren, als Vincent Chin Jukeboxes mit neuen Platten bestückte und die aussortierten Exemplare weiterverkaufte. Bald hatten die Chins so viel Musik angehäuft, dass sie im Herzen von Kingston einen Plattenladen eröffneten. Am anderen Ende des Laden verkaufte Patricia Chin Eiscreme. 1968 erweiterten sie ihr Geschäft um das Aufnahmestudio "Randy's". Dort gaben sich die Skatalites, Augustus Pablo, Jimmy Cliff, Dennis Brown, Bob Marley und viele andere die Klinke in die Hand. "Unsere Straßenecke wurde Idler's Rest, Ruheort für Müßiggänger, genannt, weil dort jeder abhing. Egal ob wir Musiker, Sänger oder Backgroundsängerinnen brauchten, wir mussten nur runter auf die Straße gehen." Aus diesen Anfangstagen stammt das Instrumentalstück "Java" von Augustus Pablo, der die Melodica in den Reggae einführte und das erste Dub-Album veröffentlichte.
VP ist es zu verdanken, dass die Musik Jamaikas jenseits von Bob Marley um die Welt gehen konnte. Ende der 70er Jahre verließen die Chins wegen politischer Unruhen ihre Heimat Jamaika und verlagerten ihre Geschäfte nach New York, genauer gesagt in den Stadtteil Jamaica in Queens, wo sie das Label und den Vertrieb VP Records gründeten. VP steht übrigens für die Initialen von Vincent und Patricia, die gemeinsam mit ihren Söhnen und Enkeln ein kleines Familienimperium geschaffen haben.
Dass der Chin-Clan seinen Wurzeln und dem Nationalmotto treu geblieben ist, zeigt die CD-Box "Out Of Many...", auf der sich das Who is Who der jamaikanischen Musikszene ein Stelldichein gibt: Alton Ellis, Ken Boothe, Johnny Osbourne, Eek-A-Mouse, Beres Hammond, Beenie Man, und viele mehr. "Out Of Many" ist eine Reise durch die jamaikanische Musikgeschichte, durch ihre musikalische, technische und thematische Vielfalt, die dennoch eine unverkennbar jamaikanische Einheit bildet. Die Musik der Karibikinsel hat sich von jeher etwas Rohes, Ungeschliffenes bewahrt, dass selbst einem Liebeslied etwas Rebellisches innewohnen kann. "Out Of Many" bietet einen umfassenden Überblick, der Lust macht, tiefer zu graben.
(Ellen Köhlings & Pete Lilly)
| Titel | "Out Of Many – 50 Years of Reggae Music" |
|---|---|
| Vertrieb | VP Records |
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