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CD der Woche 01. Oktober 2012

"Político"

Mexican Institute of Sound

Chusma Records

Hinter dem Mexican Institute of Sound steht ein einzelner Mann - der DJ und Produzent Camilo Lara. Mit "Politico", unserer CD der Woche, legt er sein musikalisches Manifest vor: ein Latin-Electro-Album, das die zerrütteten Verhältnisse in seinem Heimatland Mexiko zum Tanzen bringt.


Mexican Institute of Sound  ; Abril Tovar


Ein verschleppter Beat, so knarzig, als würde er von einer zerkratzen Vinylscheibe stammen, sorgt für die Einleitung, dann setzen elegische Bläser ein - so beginnt "México", der Song, den das Mexican Institute of Sound (MIS) passend zu den jüngsten Präsidentschaftswahlen im Juli 2012 veröffentlichte. Dank der provokanten Zeilen, mit denen der Chef des Sound-Instituts Camilo Lara den Finger in die offenen Wunden seines Landes legt, hat er dort für viel Wirbel gesorgt: "Wir sind Opfer eines Staates, der konfisziert wurde, mit einer Regierung, die von Drogenbaronen profitiert", heißt es in dem Lied. An anderer Stelle beschreibt Lara sein Land als "Weltmeister der gescheiterten Staaten" und dessen Nationalfarben mit "Grün wie Dope, Weiß wie Kokain, Rot dein Blut".


Ein Land versinkt in Gewalt

"México", der zentrale Song auf dem neuen Album von MIS , sorgte gleichfür mächtig Wirbel. Der Videoclip, der auf dem zentralen Zócalo-Platz mitten in Mexiko City gedreht wurde, zeigt einen stillen Marsch von Menschen, die rosa und blaue Fahnen schwenken. Später gesellen sich weitere dazu, die Bilder von Kindern hochhalten - Opfer des Drogenkriegs, der seit 2006 in Mexiko wütet und je nach Schätzung zwischen 60 000 und 120 000 Opfer gefordert hat. Später sieht man Maschinengewehre im Anschlag, blinde Polizeigewalt und namenlose Leichen im Straßengraben: Bilder, die von der Militarisierung des Alltags und der Brutalität des Drogenkriegs erzählen. Sie zeichnen ein düsteres Bild des Mexiko von heute.


Hymne des Protests

"Politico"; Recht: Chusma Records Bild vergrößern

"Politico"

In Mexiko ist der Song inzwischen zu einer Art alternativer Nationalhymne geworden - und zur Protesthymne der Studentenbewegung #Yo Soy 132 ("Ich bin 132"), die sich gegen die Rückkehr der alten Staatspartei an die Macht formiert hat. Nicht zuletzt die tendenziöse Berichterstattung der großen mexikanischen TV-Sender hat deren Kandidaten Enrique Pena Nieto ins Amt gespült. Nach den umstrittenen Wahlen im Juli formierte sich in den sozialen Netzwerken im Internet jedoch der Protest gegen massenhaften Wahlbetrug.


Mexikanische Soundforscher

Ein kleiner, dicker Mann mit karierter Jacke und Melone, der in ein Mikrophon rappt, führt den inszenierten Protestmarsch im Video an - das ist Camilo Lara, der im richtigen Leben als Manager beim Major-Tochterlabel EMI Mexiko arbeitete. Sein Instituto Mexicano Del Sonido, so der spanische Name, ist im Grunde ein Ein-Mann-Unternehmen und eine Kopfgeburt. Doch inzwischen gehört es neben Gruppen wie Nortec Collective und Kinky zu den stilprägenden Pionieren der wachsenden Electro-Szene Mexikos. Indem sie traditionelle Stile wie Cumbia, Mariachi-Blasmusik, Norteno-Folklore aus dem Grenzgebiet zu den USA oder die romantischen Corrido-Balladen, die seit Anfang des 20 . Jahrhunderts in Mexiko populär sind, mit Techno und Rap mischen, haben diese Künstler eine ganz eigene Handschrift entwickelt, manche nennen ihren Stil deshalb "Mextronicá".


2005 erschien sein Debütalbum "Méjico Máximo", das mexikanische Schlager aus den 1920er und 1960erjahren mit modernen Beats, Dub-Effekten und Spoken Word-Poesie verband, es folgten "Pineta" (2007) und "Soy Sauce" (2010). Manche seiner Songs wurden für Werbekampagnen genutzt, andere in Filmen wie "Y Tu Mama Tambien", TV-Shows oder HBO-Serien wie "Californication" eingesetzt, seinen Song "Alocatel" gab er für das Videospiel "Fifa Soccer 2010" frei.


Sprengstoff beim Nachbarn

Keine Frage: Camilo Lara weiß, sich gut zu vermarkten. Zu einer so deutlichen politischen Haltung wie jetzt hat er dagegen erst spät durchgefunden: Es war eine Razzia in einem Nachbarhaus, die eine tödliche Menge Sprengstoff zu Tage förderte, die ihm vor Augen führte, wie schnell jeder in Mexiko ein Opfer im anhaltenden Drogenkrieg werden kann. Dieses Erlebnis brachte ihn dazu, hier klarer Stellung zu beziehen.


Düster und rasant

Eine düstere Stimmung verbreitet auf "Politico" schon das Titelstück, mit dem das Album beginnt. Südamerikanische Roots-Percussion, ein stampfender No-Nonsens-Beat, bedrohliche Bässe und ein durchdringendes Pfeifen, das zu einer elektronischen Cumbia-Melodie mutiert, machen den Weg frei für Rap-Slogans, die wie durch ein Megaphon verzerrt klingen. Auf den folgenden Tracks zieht das Tempo merklich an: die Elektrorythmen rattern hektisch auf "Especulando" und noch eine Spur schneller auf "Revolucion", durch das sich eine geschmeidige Bläsermelodie schlängelt wie eine Eisenbahn.


Fiesta Internacional

Auf "Mas" vermitteln Surfgitarrenriffs à la B-52's über rumpelnden Beats den Eindruck von Dringlichkeit, während sich "Tipo Raro" vom verspielten Xylophongeklöppel zum straighten Funk-Stomper auswächst, sobald der rasante Dancefloor-Groove losgaloppiert. Dazwischen finden sich allerhand Latin-Zitate eingestreut: "Ceci N'est pas un automate" klingt, als hätte Camilo Lara ein altes Rumba-Sample aus seiner Sammlung von Schellackplatten hervor gekramt, um es mit wummernden Beats zu vermengen und an den Reglern zu drehen wie an einer Spieluhr, bis es überall pfeift und trötet. Für "Ritmo Internatcional" hat er ein paar Mariachi-Bläser vom verrauschten Band zum Loop gesampelt und in Maschinengeräusche gehüllt, bevor er sie von wuchtigen Presslufthammerbeats einstampfen ließ. "Se Baila Asi" lässt, mit seiner Fiesta-Melodie aus der kubanischen Son Montuno, die Atmosphäre einer Dorfkirmes erahnen, während "Cumbia Meguro" die kolumbianische Volksweise wie einen Kaugummi dahinstreckt und zu einer Art akustischen Hängematte ausbreitet.

Experimentell, temporeich und variabel, empfiehlt "Politico" das Mexican Institute of Sound und dessen Erfinder für höhere Aufgaben. Camilo Lara for Presidente!
(Daniel Bax)



Titel"Político"
VertriebChusma Records



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