Mittwoch, 22.05.2013
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"O deus que devasta mas também cura"
Mais um Discos
Lucas Santtana aus São Paulo ist einer der jungen Stars der Música Popular Brasileira, deren Motto lautet: Alles ist möglich. Er verschachtelt die Samba- und Bossa-Tradition Brasiliens mit elektronischen Sounds, Jazz, Reggae, Klassik und Soundtracks. Sein neues Album "O deus que devasta mas também cura" handelt von dem Gott, der zerstört, aber auch heilt. Ein faszinierender Klangfilm und unsere CD der Woche.
Die Stadt ist wie gelähmt nach dem Sturm. Auf einem Handy-Video sieht man Bilder von leeren Häusern, kaputten Türen und Fenstern, durchwühlten Schubladen mit Liebesbriefen und Fotografien. Alles, was einem lieb ist, singt Lucas Santtana.
Ein Sturmgott ist über die Stadt gefegt und hat für Momente alle den Atem anhalten lassen. "Der Gott, der zerstört aber auch heilt", heißt der Titelsong seines neuen Albums.
Besser kann man ein Trennungsalbum nicht beginnen. "O deus que devasta mas também cura" ist nach Lucas Santtanas Scheidung von seiner Ehefrau entstanden. Als Versuch mit dem Schmerz umzugehen, als Erinnerung an die grandiose Zeit zusammen, als Hommage an seine Frau Anna und den gemeinsamen Sohn Josué. Beiden hat er die CD gewidmet. Santtana, 42, ist Anhänger der afro-brasilianischen Religion Candomblé, die viele Gottheiten verehrt. "Mein Gott ist zum Beispiel Obaluae", erklärt er. "Und im Titelsong vergleiche ich den Gott der Natur, des Feuers, des Sturms mit der Gottheit, die für Liebe, Hass, für den Neid steht." Und für das Ende einer Beziehung.
Wenn nach dem Unwetter die Stille einkehrt, scheint alles wie zuvor. Aber die Auswirkungen sind noch zu spüren. Zeit, um alles noch einmal neu zu betrachten. Wie war sie, die Liebe, fragt sich Santtana in "É sempre bom de lembrar" ("Es ist immer gut sich zu erinnern"). Ein Song, der wie ein verschlafener Frühlingsmorgen beginnt und in eine lauen Spätherbststimmung mündet.
Lucas Santtana, aufgewachsen in Bahía, der Region mit den meisten schwarzen Einwohnern in Brasilien, begnügt sich nicht mit Referenzen an Altmeister, mit Zitaten aus anderen Epochen, wie dem Tropicalismo oder dem Beginn des Bossa. Er sucht nach Eigenem. Klang-Architekturen nennt er seine musikalischen Geschichten. "Viele Leute sagen, man fühle sich wie in Kinofilmszenen beim Hören meiner Lieder." Er spielt mit Stücken aus der Klassik wie Ravel und Debussy, mixt dazu Sampler aus der Laptop-Küche, elektronische Kreationen, die nach sirrenden Neonröhren klingen, dem Zurückschnalzen einer Metallsaite oder einem gigantischen Computer-Spiel mit unzähligen, klingenden Knöpfen und Reglern. Und zwischendurch: Bläser, ein Klavier, ein Xylophon.
Mal blitzt ein wenig Samba zwischen den Zeilen durch, dann Jazz, Funk und Reggae. Und dann taucht ein Song der englischen New Wave Band My Tiger My Timing auf: "This Is Not The Fire" auf Portugiesisch. Alles ist möglich, so das Prinzip der neuen Generation der Música Popular Brasileira. Aber schon Dagewesenes in tatsächlich neue Klanggebilde zu verwandeln, die nicht an jeder Ecke abgekupfert klingen? Kein leichtes Unterfangen. Aber Santtana hat das Ohr dafür.
Doch Santtana trauert nicht nur der verflossenen Liebe nach. Er besingt auch seine Hassliebe für manche Städte. In Metropolen wie São Paulo, wo Santtana heute lebt, ist zwar die Kulturszene sehr groß, sagt er, aber die Einsamkeit konstant. "Du kannst ein Mega-Unternehmer sein, im Rauch deines Gebrauchsfahrzeugs, oder auf der Straße umherirren wie ein Armer, ohne Krankenversicherung und Zahnbürste, die Einsamkeit hat hier ein permanentes Einfamilienhaus", singt er in "Se Pá Ska São Paulo".
Und am Ende kommt es zu einem Strand-Spaziergang mit seinem Sohn Josué: "Día de furar onda no mar" ("Ein Tag, an dem die Wellen sich im Meer brechen"). Nur Schlagzeug, Gitarre, Bass und Jukebox. Und alles relativiert sich. "Heute muss dein Vater nicht arbeiten, deine Mutter hat keine Termine, die Zeit ist ein Kind".
(Camilla Hildebrandt)
| Titel | "O deus que devasta mas também cura" |
|---|---|
| Vertrieb | Mais um Discos |
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