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Funkhaus Europa
Musik
Ermordete MCs in São Paulo
Sendung vom 29. September 2012
Die Morde an MCs aus der brasilianischen Baile-Funk-Szene geben viele Rätsel auf. Wer dahinter steckt, liegt noch im Dunkeln. Doch Indizien führen in die Ränge der Polizei. Funkhaus Europa Reporterin Astrid Kusser ist der mysteriösen Mordserie in São Paulo nachgegangen.
Rebecca Nowak im Gespräch mit Astrid Kusser, Funkhaus Europa-Reporterin
(29.09.2012), 4'40
Die lebendige brasilianische Musikszene sorgt in Europa meist für positive Schlagzeilen. Baile Funk, der brasilianische Electro-Rap-Stil aus den Favelas, hat auch in Europa für Furore gesorgt. Im eigenen Land hat die Partykultur der Armen aber einen schlechten Ruf. So war es Anfangs kaum eine Nachricht wert, als MCs der Baile Funk Szene ermordet wurden.
Doch mittlerweile sind in nur drei Jahren fünf Künstler erschossen worden. Der letzte Anschlag war Ende Juni. Die Opfer lebten alle in der Gegend um die Hafenstadt Santos im Bundesstaat São Paulo, der Baixada Santista. Dort gibt es seit den 1990er Jahren Baile Funk - fast so lange wie in Rio de Janeiro, der Geburtsstadt dieses Stils. In Rio war man gerade auf die Szene im Nachbarstaat São Paulo aufmerksam geworden, als 2010 die mysteriöse Mordserie begann.
Das Muster ist immer dasselbe: Maskierte Täter schlagen auf offener Straße zu, sie geben Dutzende von Schüssen ab und zelebrieren regelrechte Hinrichtungen. Wer hinter den Morden steckt, liegt noch im Dunkeln. Doch Indizien führen in die Ränge der Polizei. Als im April kurz hintereinander MC Careca und MC Primo ermordet wurden, lagen am Tatort Patronenhülsen, deren Kaliber in Brasilien nur von der Militärpolizei verwendet werden darf. Die Munition war zudem nummeriert. Drei Mitglieder der Militärpolizei saßen deshalb monatelang in Untersuchungshaft, mussten aber wieder freigelassen werden, weil sich die Ermittlungen in die Länge zogen.
Sie nennen sich Mães de Maio, Mütter des Monats Mai. Ihre Kinder wurden 2006 innerhalb weniger Tage auf mysteriöse Weise ermordet. Es war kurz nach einem Gefängnis-Aufstand, der den ganzen Bundesstaat lahmlegte. Die kriminelle Vereinigung Primeiro Comando da Capital (PCC) hatte Polizei und Gefängnisbehörde den Krieg erklärt. Tagelang herrschte im Bundesstaat São Paulo der Ausnahmezustand. Als wieder Ruhe einkehrte, starben in den Favelas plötzlich hunderte junger Männer. Für die Mães de Mayo sind die ermordeten MCs der letzten Jahre nur die Spitze des Eisbergs. Sie kämpfen dafür, dass die Morde an ihren Kindern endlich aufgeklärt werden und erklären sich mit den Eltern der MCs solidarisch.
Die Ermordeten waren für Songs bekannt, in denen sie sich offensiv auf die Seite des PCC stellten. Traditionell verherrlichen viele MCs im Baile Funk solche Gangs, als seien sie die einzigen, die es mit Polizei und Gefängnissystem aufnehmen können. Gewalt gegen den Staat zu verherrlichen, ist in Brasilien tatsächlich strafbar - aber kein MC wurde je angeklagt. Dafür gibt es fünf Tote und immer noch keine Täter.
Gerade eskaliert die Gewalt im reichsten und ökonomisch wichtigsten Bundesstaat von Brasilien wieder. Jede Woche sterben Menschen bei Polizeieinsätzen. Andere werden von maskierten Tätern umgebracht. Wer es sich leisten kann, zieht sich in Wohnanlagen zurück, die wie Festungen wirken. Für die Leute aus der sogenannten Periferie ist das keine Option. Der Krieg zwischen korrupten Polizisten und kriminellen Gangs wird auf ihrem Rücken ausgetragen.
(Astrid Kusser)
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