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Süpertunes

Calexico & Kumbia Queers

Lässiges von der Kirchenbank und Cumbia Punk

Sendung vom 07. September 2012

Calexico haben nach dem Soundtrack zum Film "The Guard" nun auch ihr sechstes Album "Algiers "aufgenommen und die Kumbia Queers treten mit "Pecados Tropicales" gegen gängige Rollenklischees an.

Calexico: Algiers (Cityslang)

Cover: Calexico-Schriftzug; Cityslang Bild vergrößern

Algiers

Gitarrist und Sänger Joey Burns und Schlagzeuger John Convertino haben jahrelang in der Rockband Giant Sand gespielt, bevor sie vor 17 Jahren ihre eigene Band Calexico gegründet haben. Die aus Tucson im US-Bundesstaat Arizona stammenden Musiker zelebrieren seitdem eine stilistisch immer wieder verblüffende Mischung, in der Mariachi-Sounds, Country, Tex-Mex-Balladen, Wüstenrock und Western-Soundtracks ebenso Platz haben wie Latin-Jazz, Dub und Folk-Pop. Calexico sind aber auch begehrte Studiomusiker und haben mit Nancy Sinatra, dem Gotan Project und zuletzt Laura Gibson gearbeitet. Burns und Convertino sind auch Filmfreaks: zuletzt komponierten sie den Soundtrack zum irischen Film "The Guard".

Ihr neuestes, sechstes Album haben Calexico in New Orleans aufgenommen. Schauplatz war der "Living Room", eine alte, hölzerne Baptistenkirche, die in ein Studio umgewandelt worden ist. Joey Burns sagt, der Klang in dieser Kirche sei einfach großartig gewesen: "Die Songs sprudelten nur so aus uns heraus". Dann war auch schon wie von selbst klar, wie man das Album nennen könnte: nämlich nach dem Viertel, in dem es entstanden ist, "Algiers Point". Joey Burns: "Dieser Name hat uns daran erinnert, was gerade im Mittelmeerraum und in Nordafrika passiert war". Und so gab's für die Band dann auch eine direkte Verbindung zum arabischen Frühling. Diese Stimmung wollte man gar nicht in Worte fassen, sondern man hat einen Instrumentaltitel gemacht, den einzigen auf dem Album.

"Algiers" von Calexio repräsentiert genau jenen Trademark-Sound dieser Formation, die sich zwar nicht jedes Mal wieder neu erfindet, die aber diesmal ein Album für Calexico-Einsteiger gemacht hat. Wer die Band bisher ignoriert hat, der sollte sich jetzt diese neue CD unbedingt anhören. Man merkt einigen Stücken eine lässige - fast schon kubanische Grundstimmung an. Joey Burns und Schlagzeuger John Convertino sind denn auch grundentspannte Typen. Burns: "Musikalisch verfolgen wir eine 'Worldbeat'-Vision, unsere Ästhetik ist sehr europäisch. Wir interessieren uns für die Welt, für Politik, und wir denken multikulturell. Für einen Europäer ist das alles normal, viele amerikanische Rockbands schauen jedoch nicht über ihren Tellerrand. Aber die Dinge scheinen sich jetzt auch in Amerika zu ändern".

Die Band ist mit ihren insgesamt sieben Mitgliedern ab kommender Woche wieder auf großer Deutschland-Tour. Natürlich werden die Gitarren auf der Bühne rockiger sein als auf dem Album. Am Freitag, 14. September, geht's los im Kölner E-Werk, am 23. September gibt's dann die Tour-Station im Huxleys in Berlin. Bei den ersten Konzertterminen ist als Support auch Laura Gibson dabei. Calexico stehen für eine gute Portion Folkpop und TexMex-Rock mit luftigen Arrangements und viel melancholischer Stimmung.


Kumbia Queers: Pecados Tropicales (Comfort Zone/Cargo)

Cover: Regenbogenfarben-Cover mit dickem Kumbia Queers Schriftzug; Comfort Zone/Cargo Bild vergrößern

Pecados Tropicales

Die Kumbia Queers sind sechs Frauen, die gegen die Macho-Posen in ihren Heimatländern Mexiko und Argentinien antreten. In Buenos Aires gibt's schon seit einiger Zeit eine Queer-Tango-Szene, die die gängigen Rollenklischees beim Paartanz aufbrechen will. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis etwas ähnliches auch bei der traditionellen Cumbia versucht wird. Allerdings mit einer stärkeren Punk-Attitüde dahinter. Man muss da nicht unbedingt an Pussy Riot denken - die Kumbia Queers machen ihr Ding aus lateinamerikanischer Perspektive.

"Queer" war ursprünlich ein Schimpfwort für Schwule oder Lesben, ist aber mittlerweile von den Aktivistinnen und Aktivisten weltweit einfach umgedeutet worden. Die Kumbia Queers haben etwas gegen die üblichen Spielregeln, dass Frauen zu tanzen haben und damit die Männer verführen. Dagegen setzen sie ihren Kumbia Punk. Das hört sich auf dem neuen Album oft an wie eine Cumbia-Version von lateinamerikanischer Mestizo-Musik. Die Band hat den Punk diesmal allerdings nicht in den Vordergrund gestellt - das letzte Album hieß noch "Tropi-Punk" und war gespickt mit Coverversionen von unter anderem "The Cure" oder den "Ramones".

Diesmal gibt's eigene Produktionen und das ist für die Kumbia Queers ein wichtiger Schritt nach vorn. Auf dem neuen Album finden sich musikalisch höchst unterschiedliche Nummern - vom klassischen Opener "Kumbia Punk", der die grundsätzliche Ausrichtung von "Kumbia Queers" klarstellt, über "Patricia", eine von einem House-Groove getragene effektive Rocknummer, bis hin zu gnadenloser Punk-Rock-Cumbia bei "Gaballo Viejo". Die Kumbia Queers können auch schöne eigene Songs schreiben - das ist das Besondere am neuen Album "Pecados Tropicales". Der Song "Motochorra" ist zum Beispiel eine Hymne auf alle freiheitsliebenden Motorradfahrenden Mädels ... und da ist dieses schräge Keyboard mit drin, das bei der modernen Cumbia in Argentinien und anderen Ländern normalerweise immer im Einsatz ist. Eine Spielart, die "Cumbia Villera", hat es Ali Gua Gua und ihren Mitstreiterinnen besonders angetan.
Der Stil, der manchmal auch als argentinische Antwort auf Gangsta Rap bezeichnet wird, kommt aus den Armenvierteln der argentinischen Städte. Und der Albumtitel "Pecados Tropicales"? El Pecado, das ist im spanischen die Sünde. Und darin verborgen ist natürlich auch der Sündenfall aus der Bibel. Als bekennende queere, lesbische Band will man das natürlich ironisch kontern. Und deshalb verweisen die Kumbia Queers auf ihre "tropischen Sünden", in diesem Fall verteilt auf 15 vielfältige Songs, die mal losrocken und mal ganz ruhig und melodiös daherkommen, aber immer mit einer guten Prise Cumbia.

Live wird das dann eine gute Stufe krachiger. Die Kumbia Queers waren schon mehrmals in Europa unterwegs, ab kommender Woche sind sie wieder auf Tour bei uns. Und sind gespannt, wie die neuen Songs bei den Fans ankommen. Die Kumbia Queers haben ihre Fanbase in Deutschland zum Beispiel durch legendäre Auftritte beim Fusion Festival aufgebaut. Sie selbst mögen solche nichtkommerziellen Festivals mit politischem Hintergrund. Am Dienstag, 11. September, kommen sie nach Bremen in die Spedition, am Mittwoch, 12. September in den Clubbahnhof Ehrenfeld nach Köln, auf Einladung von Funkhaus Europa und am 20. September gibt's dann ein rauschendes Fest im SO36 in Berlin-Kreuzberg. Cumbia mal aus einer ganz anderen Perspektive betrachtet, weiblich, punkig, unkonventionell.
(Stefan Müller)





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