Dienstag, 21.05.2013
Sie befinden sich hier:
WDR.de
Funkhaus Europa
Service
Bestsellercheck Juni 2012
Sendung vom 13. Juni 2012
Von wegen Jugendwahn der Gesellschaft - wenn man sich aktuelle Bestsellerlisten anieht, ist davon jedenfalls nichts zu spüren. Denn bei Titeln von Altmeistern wie Donna Leon und Sten Nadolny oder auch der Newentdeckung Rachel Joyce schließen sich Alter und Erfolg keineswegs aus.
Immer für einen Bestseller gut: Italokrimis von Ausländern, die sich damit ihr dolce vita im schönen Süden finanzieren. Allen voran die Amerikanerin Donna Leon, 69, deren Commissario Brunetti im neuesten Roman schon zum zwanzigsten Mal durch Venedig geleitet.
"Reiches Erbe" heißt das Buch, das sofort ganz oben in den Charts rangierte, und in diesem Titel steckt fast schon die ganze Geschichte: Eine alte Frau wurde ermordet, per Gift natürlich, Brunetti entdeckt beim Ermitteln das eine oder andere Geheimnis, das dann genüsslich ausgebreitet werden kann.
Krimidurchschnittskost, zwar dekorativ angerichtet, aber fade gewürzt und ohne jeden Biss. Was im Grunde egal ist, denn hier geht's eh weniger um den Krimi, denn ums Räsonieren über Land und Leute, wobei, wie gewohnt, kein noch so verkochtes Italo-Klischee ausgespart wird.
Sten Nadolny, geboren 1942, deutscher Schriftsteller, gilt seit seinem Roman "Die Erfindung der Langsamkeit" Anfang der 1980er Jahre als Erfolgsautor mit Anspruch. Auch "Weitlings Sommerfrische" geht in diese Richtung, wenn Nadolny von einem pensionierten Richter namens Wilhelm Weitling erzählt, für den sich bei einem Segelunfall die Geschichte wiederholt - denn von da an steckt er, irgendwie, im Leben des jungen Weitling, in seiner eigenen Vergangenheit. Und sieht, mit den Augen des Alten, natürlich so manches anders.
Zeitreisen sind immer gut, und Sten Nadolny würzt die seines staunenden Helden mit jeder Menge autobiographischen Materials. Das Ergebnis: Nette, beschauliche Unterhaltung; ein paar philosophisch angehauchte Gedanken; ein sehr persönlicher Blick auf die Bundesrepublik der Nachkriegszeit. Lesenswert, wenn man's eher langsam mag.
Nicht mehr ganz jung ist auch der Held des Romans "Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry" von Rachel Joyce. Harold Fry, Rentner, früher Brauereiangestellter läuft und läuft und läuft. Denn er muss Queenie retten, eine ehemalige Kollegin. Sie hat Krebs. So lange er läuft, glaubt Harold, der eigentlich bloß ein paar Zeilen zum Briefkasten bringen wollte, wird sie dem Sterben standhalten können. Und so geht's auf zu einer sehr speziellen Pilgerreise, quer durch England, auf der Harold nicht nur einigen merkwürdigen Zeitgenossen, sondern vor allem sich selbst begegnet.
So liest es sich, das Buch der Engländerin Rachel Joyce, von dem alle schwärmen, und gleich zwei Themen intelligent bedient, die derzeit Bestsellergaranten sind, wenn man es denn geschickt anstellt: Zum einen das Pilgern, möglichst zu Fuß. Und zum anderen die Story vom alten Mann, der sich nochmal aufmacht ins Leben. Rachel Joyce bringt beides so warmherzig und geschickt zusammen, dass man resümieren kann: Zwar jede Menge Kitsch und Klischee - das aber alles sympathisch und von der guten Sorte. Prognose: Frohe Weihnachten! - DAS Geschenkbuch 2012.
(Ulrich Noller)
Donna Leon: Reiches Erbe. Diogenes, 2012. Euro 22,90
Sten Nadolny: Weitlings Sommerfrische. Piper, 2012. Euro 16,99
Rachel Joyce: Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry. Krüger, 2012. Euro 18,99
Der WDR ist nicht für die Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.