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Kwei Quartey und Helon Habila
Sendung vom 03. Oktober 2012
Trotz Globalisierung und Mediengesellschaft, rückt Afrika, so scheint es, immer weiter weg aus dem Fokus des Interesses. Wenn überhaupt, wird meist über Kriegshandlungen, Greueltaten, Armut und Hunger berichtet, und zwar so, als gäbe es ausschließlich diese Realitäten. Wie wird man der vielschichtigen Realität afrikanischer Länder gerecht, ohne den üblichen Klischees zu verfallen? Die Kriminalliteratur könnte ein Weg sein, das beweisen neue Romane von Kwei Quartey aus Ghana und Helon Habila aus Nigeria.
Giftmüll, Abwässer, Kloake, Gestank - und mittendrin eine Leiche. So sieht der Tatort aus, an dem der neue Fall des ghanaischen Kripopolizisten Darko Dawson seinen Anfang nimmt. Da, wo eigentlich blühende Landschaften locken könnten, im Voltadelta, mitten in der Stadt, suchen die Ärmsten der Armen nach Verwertbarem. "Sodom und Gomorrha" nennen die Einheimischen die Gegend; ein Ort, den niemand freiwillig betritt. Der Junge, den es erwischt hat, ist nicht nur einfach umgebracht, sondern hässlich verstümmelt worden, und bald folgen weitere Opfer, ein Ritualmörder ist am Werk.
Kwei Quartey ist in Ghana aufgewachsen, heute lebt er als Arzt und Schriftsteller in Kalifornien. Wie schon in seinem Debütkrimi "Trokosi" nutzt er den Fall und die Ermittlungen, um einerseits von den Verhältnissen im Land und andererseits aus dem Privatleben seines Ermittlers Darko Dawson zu erzählen, der mit allen Mitteln darum kämpft, eine dringend nötige Herzoperation für seinen Sohn finanzieren zu können. "Accra" ist ein solide gearbeiteter, vielschichtiger, berührender und hoch informativer Kriminalroman.
Eine Britin ist verschwunden. Entführt, von Rebellen. Und weil sie nicht nur irgendeine Touristin ist, sondern die Frau eines Ölingenieurs, ist das in Port Harcout/Nigeria, im Niger-Delta, ein gewichtiges Ereignis: Die Ölfirmen, die hier die Landschaft und die Wirtschaften umwälzen, sind der Maßstab der Dinge. Und zwar im Positiven wie im Negativen: Sie bringen Geld und Wirtschaftswachstum - sie fördern die Diktatur und sie zerstören bedenkenlos die Lebenswelten ganzer Regionen.
Zerstörte Dörfer, eine siechende Flora und Fauna und Öl auf Wasser allerorten - was das bedeutet, bekommen Zaq und Rufus hautnah mit. Die beiden Journalisten wittern eine große Story. Halb auf eigene Rechnung, halb im Auftrag des Ehemanns der Entführten, machen sie sich auf die Suche. Zusammen mit einem Fischer und seinem Sohn durchstreifen sie das Delta. Bald geraten sie zwischen die Fronten von Rebellen und Regierungssoldaten.
Helon Habila, geboren 1967, war lange Journalist in Port Harcourt, bevor er in die Vereinigten Staaten emigrierte, wo er heute kreatives Schreiben lehrt, wenn er nicht gerade in der "Heimat" unterwegs ist. Dass er sein Handwerk bestens versteht, davon zeugt sein dritter Roman auf beeindruckende Weise: "Öl auf Wasser" ist ein Journalistenroman reinsten Wassers; ein schonungsloser Umweltkrimi; ein somnambuler Thriller, ein Sprachkunstwerk mit Lust und Essenz. Beeindruckend!
Kwei Quartey: Accra
Lübbe, 2012; 16,99 Euro
Helon Habila: Öl auf Wasser
Wunderhorn, 2012; 24,80 Euro
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