Sonntag, 19.05.2013

Suche im gesamten WDR Web

  • Tipps zur vergrößerten Ansicht
  • Alle WDR E-Mail Adressen von A bis Z
  • Alle WDR Sendungen von A bis Z
  • Inhaltsverzeichnis wdr.de
  • Hilfe
  • Audio


Hauptnavigation Funkhaus Europa


Partnersender


Banner


Sie befinden sich hier: > WDR.de > Funkhaus Europa >Themen >"Wir bleiben Kreuzberg"


Wohnen, leben, mitbestimmen

"Wir bleiben Kreuzberg"

Protestcamp am Kottbusser Tor

Sendung vom 18. Juli 2012

Das Herz Kreuzbergs schlägt am Kottbusser Tor. Der Berliner Bezirk ist geprägt von einem multikulturellen Miteinander der Menschen die hier leben, und hat den liebevollen Beinamen "Little Istanbul". Das aber könnte bald der Vergangenheit angehören, denn die Mieten sind so rapide gestiegen, dass sich die Bewohner entschlossen haben auf die Straße zu gehen, um zu demonstrieren. Mit einem Camp, mitten am Kottbusser Tor.

Unsere Videos können Sie mit dem Macromedia Flash-Player ab der Version 8.0 ansehen. Den neuesten Flash-Player können Sie beim Hersteller Adobe unter folgender Adresse kostenlos downloaden:
http://www.macromedia.com/go/getflashplayer_de

Niko Aslanidis im Gespräch mit Wiebke Keuneke, Funkhaus Europa-Reporterin

(18.07.12), 5'03


Protest mit Pfefferminztee und Pistazien

Es ist das gastfreundlichste Protestcamp, dass man sich vorstellen kann. Wenn man an die bunte Bretterbude herantritt, wird einem als erstes aus einem großen Samowar zuckersüßer Tee und Pistazien angeboten. An drei langen Bierbanktischen sitzen alte türkische Omis mit Kopftüchern, die so gut wie kein Deutsch sprechen. Auch Paul Weber wohnt seit zehn Jahren hier. Paul kommt aus Afghanistan und für ihn ist Kreuzberg geradezu ein magischer Ort.

"Das ist ein Ort von hoher Toleranz mit unterschiedlichsten Lebensentwürfen. Das ist eine ganz, ganz tolle Qualität, dass hier so viele Menschen auf einem Fleck zusammenwohnen, manchmal auch nebeneinander her, aber das ist ein großer Freiraum hier, sein Leben, leben zu können, ohne doof angeguckt zu werden."


Mitpreiserhöhung um fast 100 Prozent

Die Themenwoche

Die steigenden Mieten jedoch sind für viele Menschen kaum zu bezahlen. Teilweise sind die Mietenm auf das Doppelte gestiegen. Hat man für 90qm vor zehn Jahren noch 530 Euro warm bezahlt, bezahlt man jetzt fast 1000 Euro! Dafür muss man wissen, dass es sich bei diesen Wohnungen um Sozialbauten handelt, also um Wohnungen, die eigentlich dafür bestimmt sind, dass dort weniger gut Verdienende und Hartz-IV-Empfänger günstig wohnen können. Doch die Wohnungen sind in der Hand privater Hausverwaltungen, die seit Jahren die Miete erhöhen und dafür vom Berliner Senat Subventionen bekommen, weil sie sich der Aufgabe gestellt haben, viel Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Klingt absurd und unfassbar, ist aber so.


Fast wie im Zoo

Natürlich ist es bis zu einem gewissen Maße normal, dass sich innerhalb von zehn Jahren ein Kiez entwickelt. Mittlerweile aber ist es so, dass die Menschen, die diesen Stadtteil ausmachen und Touristen wegen der "orientalische Atmosphäre zwischen Betonklötzen" anlocken, sich das Leben hier nicht mehr leisten können. Menschen wie Turgut Yilmaz. Er ist in Kreuzberg geboren und wohnt mit seiner Familie hier seit über 40 Jahren. Turgut erzählt, wie es sich anfühlt, wenn Touristen quasi durch seinen Vorgarten geschleust werden.


"Das tut schon weh"

"Wenn die hier ihre Führungen machen, hier rumlaufen, fühlt man sich ein bisschen als Exot. Wir wohnen seit Jahren hier, wir leben hier, wir haben hier was aufgebaut, deswegen auch Little Istanbul, aber das tut schon weh."

Die Leute, die in Kreuzberg wohnen, sind zwiegespalten. Natürlich finden sie es schön, wenn jetzt auch spanische, französische oder amerikanische Studenten hier herziehen und ihren Kiez bereichern, aber das darf nicht zu jedem Preis passieren, sagt Friederike Hausmann, die auch seit über zehn Jahren in den Sozialbauten wohnt.

"Wir sind überhaupt nicht gegen Veränderung, wir sind schon immer Teil der Veränderung gewesen. Veränderung wurde hier schon immer integriert, also Leute, die dazugezogen sind, sind immer schon integriert worden. Nur, wenn diese Veränderung heißt, das wir nach Marzahn ziehen sollen, dann sind wir nicht mehr Teil davon und dann ist es fast schon zynisch, wenn man uns dann vorwirft gegen Veränderung zu sein."


Geht doch nach Marzahn

Natürlich hat sich die Mietergemeinschaft zuerst an den Mieterschutzbund gewandt, der aber sagt, da können sie nichts machen. Das muss politisch gelöst werden. Der zuständige Berliner Senator für Stadtentwicklung Michael Müller sagt, er könne keine Mietobergrenzen für Sozialwohnungen einführen, weil das für die Stadt zu teuer würde. Stattdessen schlägt er den Mietern vor, doch einfach einen Bezirk weiter zu ziehen, wo die Mieten noch erschwinglich sind, z.B. nach Marzahn.

Allerdings wollen Mieter wie Turgut Yilmaz ihr Kreuzberg nicht verlassen. Einerseits, weil ihre Angehörigen und Freunde hier wohnen und andererseits, weil sie sich hier sicherer fühlen als in einem Bezirk, der 2006 noch als "no-go area" bezeichnet wurde.

"Wenn man vom Aussehen her auffällt und wenn man sieht, da wird man nicht akzeptiert, dann tut das richtig weh. Hier in Kreuzberg ist richtig multikulti, hier fällt man nicht auf, hier wird man akzeptiert, hier fühlt man sich zu Hause."

Noch ist also keine Lösung in Sicht. Aber die Protestler vom Kotti wollen so lange bleiben, bis ihre Mieten wieder gesenkt werden.





Der WDR ist nicht für die Inhalte fremder Seiten verantwortlich, die über einen Link erreicht werden.