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Londons leere Versprechen
Sendung vom 26. Juli 2012
Bei der Eröffnung der Olympischen Spiele präsentiert sich London als post-koloniales Geburtsland des Pop. Aber außerhalb der olympischen Spielstätten hat man für solche Stilisierungen nur Ironie und Wut übrig.
Siham El-Maimouni im Gespräch mit Christian Wertschulte, Funkhaus Europa-Reporter
(26.07.12), 4'59
Am Freitagabend (27.07.12) wird es über dem Londoner Olympiastadion regnen. Man muss keine Wetterfee sein, um das zu wissen. Es reicht, wenn man Danny Boyle, dem Regisseur der Eröffnungsfeier zuhört. Dieser hatte für die Eröffnung eine große Vision - er wollte ein englisches Dorf aufbauen, inmitten grüner Hügel und saftiger Wiesen. Und dazu sollte es regnen, weshalb er eine künstliche Wolke in Auftrag gegeben hat. Als musikalische Untermalung läuft Edward Elgars "Land of Hope and Glory", eine Hymne auf den britischen Imperialismus. Kurz darauf wird sich der Soundtrack ändern. Anstatt Trompeten ertönt die kurz angeschlagene Gitarre von Paul Weller, dem Kopf der Gruppe The Jam. Weller singt über Blasorchester und stampfende Füße und zieht die Konsequenz: "I'm going underground".
Von "Rule Britannia" zu "Cool Britannia" in ein paar Minuten - so sieht Regisseur Boyle ("Slumdog Millionaire") die Geschichte seiner Nation. China bebilderte in Peking seinen Aufstieg zur Supermacht - Großbritannien stilisiert sich in London als die post-koloniale Heimat von Pop. Doch diese Selbstdarstellung ist nostalgisch, sie sehnt sich nach einem Großbritannien aus der Zeit vor der Finanzkrise und den Riots, dem Großbritannien von Tony Blair und Britpop.
Damon Albarn, Sänger der Britpop-Heroen Blur, hatte die Spiele schon Wochen vor ihrem Beginn als "zu kommerziell" kritisiert. Es ist die Standard-Kritik an großen Sportveranstaltungen, weil Sport ja idealistisch und fair zu sein hat. Das ist verlogen: Blur treten auf dem Abschlusskonzert der Spiele im Londoner Hyde Park auf und sie sind damit eindeutig Profiteure der Aufmerksamkeit, die die Spiele auf sich ziehen. Auch die Ost-Londoner Clubszene, die ohnehin als eine der vielfältigsten Europas gilt, wird von den Spielen profitieren. Allein die Erwähnung im Reiseführer dürfte die Schlangen vor den notorisch engen Clubs noch verlängern.
Die BBC-Sitcom "Twenty Twelve" nutzt die Spiele, um sich im Wochentakt über das Planungs- und Verkehrsdesaster lustig zu machen. Diese "Mockumentary" (to mock heißt auf Deutsch: sich lustig machen) begleitet dabei die tägliche Arbeit der "Olympic Deliverance Commission". Der Name ist ein Wortspiel: "Deliverance" bedeutet "Erlösung", aber vom konstanten Fremdschämen werden die Zuschauer von "Twenty Twelve" nicht erlöst: Der Verkehrsbeauftragte verursacht Staus, die die Innenstadt lahmlegen, die Nachhaltigkeitsbeauftragte ist froh, wenn sie wenigstens mal irgendwo auf dem Olympiagelände einen Baum pflanzen darf.
Trotz der Übertreibungen ist die Serie so nah an der Wirklichkeit, dass in London bereits Gerüchte kursieren, die Autoren der Serie hätten einen "Maulwurf" im echten Organisationskomitee, der sie mit Infos versorgt.
In Stratford, einem der ärmsten Stadtteile Großbritanniens, wo das Olympiastadion steht, scheint die Unzufriedenheit besonders hoch zu sein. Dort soll eine 115 Meter hohe Stahlskulptur des weltbekannten Künstlers Anish Kapoor die Touristen in den Londoner Osten lotsen. Doch die Skulptur namens "Orbit" wird dort als verkrüppelte Achterbahn verhöhnt. Und der Rapper Plan B, der in Stratford aufgewachsen ist, hat auf seinem Top-Ten-Hit "Ill Manors" die hohen Ausgaben für den Olympia Park sogar für die Schließungen von Jugendzentren verantwortlich gemacht.
(Christian Wertschulte)
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