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Thema

Festakt oder Gewaltakt?

Pro und Contra Beschneidung

Sendung vom 23. August 2012

Seit das Kölner Landgericht die Beschneidung von Jungen als strafbare Körperverletzung gewertet hat, reißt die Debatte um das religiöse Ritual nicht ab. Wenn der Deutsche Ethikrat heute Theologen, Juristen und Mediziner dazu befragt, sind wieder gegensätzliche Positionen zu erwarten - und die gibt es auch unter Funkhaus-Europa-Mitarbeitern, die mit dem Thema groß geworden sind.

Melih Serter: "Beschneidung ist kein barbarischer Akt!"

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Kommentar von Funkhaus-Europa-Reporter Melih Serter (23.08.12), 1'33

Ja, ich bin für die Beschneidung bei Jungen! Auch wenn ich als Muslim nicht fünf Mal am Tag bete oder den Fastenmonat Ramadan hungernd verbringe! Es stimmt - die Eltern bestimmen, dass der Sohn beschnitten wird. Das war bei mir auch der Fall, aber: Ich wollte es auch. Der prunkvolle Sultansanzug zum Fest, der Ritt auf einem prächtigen Pferd durch die Innenstadt, das Fest, zu dem alle meine Freunde eingeladen wurden, und die vielen Geschenke, die ich bekam: Darauf wollte ich nicht verzichten, stattdessen aber auf meine Vorhaut.


Traditionelle Beschneidung im Sultans-Gewand; Rechte: dpa Bild vergrößern

Traditionelle Beschneidung im Sultans-Gewand

Ich wurde mit sechs Jahren beschnitten - von einem sehr guten Beschneider in der Türkei, der gleichzeitig auch Friseur war. Leichte örtliche Betäubung mit einem Kühlspray wie bei Sportlern, kurze Desinfektion der Schnittstelle und dann - so schnell konnte noch nicht mal der Fotograf den Auslöser drücken - war die Vorhaut ab. Schmerzen hatte ich keine. Denn in muslimischen Ländern ist die Kunst des Beschneidens ein Handwerk, und wenn der Handwerker gut ist, tut's auch nicht weh. In Deutschland übernehmen gut ausgebildete Mediziner diesen Job - da sollte es doch nun wirklich keine Schmerzen geben.

Nein, die Beschneidung von Jungen ist kein barbarischer Akt. Genauso wenig wie das Stechen von Ohrlöchern bei kleinen Mädchen, oder das doppelte Eintauchen der Babys ins Taufbecken bei orthodoxen Christen .


Yildiz Deniz: "Tag der Mannwerdung ist ein Alptraum!"

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Kommentar von Funkhaus-Europa-Redakteurin Yildiz Deniz (23.08.12), 1'15

Klar, bin auch ich damit aufgewachsen: Männer werden beschnitten. Das gehört einfach dazu. Was aber genau bei der Beschneidung passiert, erfuhr ich erst als Erwachsene von Cousins und Freunden - ganz im Vertrauen versteht sich. Selten habe ich so blutige Geschichten voller Schmerz und Scham gehört. Einer hatte Fotos davon: eine kahle Ecke unter freiem Himmel, der Junge sitzt breitbeinig auf dem Stuhl, mit panischen Augen und verheultem Gesicht, zwei Männer halten ihn an den Armen fest, der Beschneider hockt zwischen seinen Beinen. Fünf andere Jugendliche schauen zu.


Wenn ich an diese Fotos denke, packt mich immer noch das Entsetzen und ich frage mich: Warum bescheren wir in Gottes Namen kleinen Jungs, die gerade ihre Sexualität entdecken, so einen brutalen Einschnitt? Dürfen wir zulassen, dass bei ihnen auf diese Weise Lust auf ewig mit Gewalt verbunden ist? Nein, denn das, was da mit den Jungs passiert, ist eine massive Misshandlung. Die Freunde, die von ihrer Bescheidung berichteten, erzählten auch, dass sie lange Zeit danach keine richtige Freude an ihrem Geschlecht hatten. Dennoch sind es genau diese Männer, die später ihre eigenen Jungs beschneiden lassen. Gut, sie machen es heute im Krankenhaus und mit Betäubung. Aber der Schmerz danach bleibt, und Nerven haben ein sehr gutes Langzeitgedächtnis.

Warum sie das ihren Kindern dennoch antun? Es gehört eben dazu. Genauso wie es dazugehört, nicht öffentlich davon zu berichten, dass der vermeintlich große Tag der Mannwerdung ein Alptraum war.





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