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"Dumm-dreiste Kampagne"
Sendung vom 03. September 2012
In Bonn, Berlin und Hamburg werden Mitte September schwarz-weiße Fahndungsbilder aufgehängt - darauf fiktive muslimische Menschen, die Gefahr laufen, in die islamistische Terrorszene abzurutschen. Eigentlich wollte das Innenministerium mit der Plakat-Aktion auf eine Beratungsstelle aufmerksam machen.
Tatsächlich hat es damit aber die Muslime in Deutschland vor den Kopf gestoßen. Vier islamische Verbände haben ihre Mitarbeit in der Initiative "Sicherheitspartnerschaft" mit dem Ministerium aufgekündigt. Funkhaus-Europa-Redakteurin Ayca Tolun kommentiert die Kampagne und ihre Folgen.
Kommentar von Funkhaus Europa-Redakteurin Ayca Tolun (03.09.12), 3'11
Nett sehen die vier aus. Ahmad so um die 20, fotografiert scheinbar an einem See. Hassan hat sich vor einer Gardine ablichten lassen. Tim soll wohl ein Deutscher sein - wahrscheinlich ein Konvertit-, sieht aber verdammt nach einem Türken aus. Fatima gefällt mir am besten. Ihr fromm gebundenes Kopftuch ist in unschuldigem Weiß gehalten, ihr Lächeln - einfach herzerwärmend. Überhaupt, dieses Lächeln. Alle tun es und sehen dabei so aus, als ob sie im Leben alles werden könnten, nur keine Terroristen. Dabei spricht der Text zu den Bildern eine ganz andere Sprache:
"VERMISST! Das ist meine Freundin Fatima/mein Freund Hassan/unser Sohn Tim. Wir vermissen ihn, denn wir erkennen ihn nicht mehr, er wird jeden Tag radikaler, wir haben Angst ihn zu verlieren an religiöse Fanatiker und Terrorgruppen!"
So stellt sich das Bundesinnenministerium also inländische Terroristenanwärter vor und hegt scheinbar die Hoffnung, dass deren Eltern, Verwandte und Freunde sich im Fall der Fälle vertrauensvoll an die deutschen Behörden wenden.
Doch diese Anzeigenkampagne ist - gelinde gesagt - anmaßend und ehrenrührig. Denn sie ist gestaltet in Anlehnung an polizeiliche Suchplakate, die in Polizeidienststellen und an öffentlichen Orten angeschlagen werden, wenn nach echten Terroristen, Mördern oder Vergewaltigern gefahndet wird.
Diese Anzeigenkampagne ist dreist! Denn sie stellt ohne Anlass Muslime einmal mehr unter Generalverdacht - und das in einer Zeit , in der laut neuestem Verfassungsschutzbericht Deutschland ein massives Problem mit rechtsradikaler Gewalt hat und die Öffentlichkeit seit Monaten darüber staunt, wie eine rechtsradikale Terrortruppe in sieben Jahren zehn Menschen ermorden konnte. Neun von ihnen waren Migranten - außer dem griechischen Opfer und einer Polizistin übrigens alle Muslime.
Diese Anzeigenkampagne ist auch dumm. Als "emotional ansprechend" lobte der Bundesinnenminister das Werk aus seinem Hause, scheinbar ohne zu ahnen, wessen Emotionen hier in welcher Form angesprochen werden. Bei denen, die schon immer argwöhnten, dass sich unter jedem Kopftuch und hinter jedem dunklen Bart sowieso der verkappte islamistische Terrorismus versteckt, bei denen werden tatsächlich die richtigen Emotionen angesprochen.
"Bleibt wachsam und beobachtet sie - die Muslime- immer ganz genau", so die einfache, aber wirksame Botschaft. Für die Muslime aber ist diese anmaßende, ehrenrührige und nicht zuletzt dumm-dreiste Anzeigenkampagne nur ein weiterer Beweis dafür, dass sie in diesem Land auch offiziell vor allem für latent gefährlich gehalten werden. Deshalb ist es nur folgerichtig, dass die muslimischen Verbände ihre Zusammenarbeit mit dem Bundesinnenministerium gekündigt haben.
Denn vermisst werden nicht etwa nett lächelnde Ahmads, Hassans oder Fatimas, die Gefahr laufen, islamistisch radikalisiert zu werden. Nein, vermisst werden derzeit vor allem Politiker und Behörden, die endlich Konsequenzen aus dem völligen Versagen ihrer Sicherheitsbehörden - etwa im Fall der Neonazi-Mordserie - ziehen. Politiker und Behörden, die die im Stande sind, alle Ahmads, Hassans Fatimas und auch Tims dieses Landes vor solchen Kampagnen zu schützen!
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