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Covergirls mit Migrationshintergrund
Sendung vom 04. Oktober 2012
Herbstzeit ist Buchmessenzeit: Wieder einmal drängen Veröffentlichungen junger deutschen Autoren mit Migrationshintergrund auf den Markt. Aufmerksamkeit erregen vor allem drei junge Frauen aus Hamburg, die mit Schützenhilfe einer renommierten Wochenzeitung groß rauskommen wollen.
Siham El Maimouni im Gespräch mit Ulrich Noller, Funkhaus Europa-Literaturexperte
(04.10.12), 9'36
Es gibt schlechtere PR-Kampagnen, wenn man hierzulande ein Buch verkaufen möchte: Vom Cover der Neuerscheinung "Wir neuen Deutschen. Wer wir sind, was wir wollen" blicken einem drei hübsche junge Frauen recht selbstbewusst entgegen. Es sind dieselben Gesichter, die am 6. September auch die erste Seite der renommierten Wochenzeitung aus Hamburg zierten: Alice Bota, Özlem Topçu und Khuê Pham, allesamt Redakteurinnen der "Zeit".
Die Drei, klar, haben Migrationshintergrund. Alice Bota stammt aus einer ursprünglich polnischen Familie, Özlem Topçu aus einer türkischen und Khuê Pham aus einer vietnamesischen. So genannte "neue Deutsche", also Einwanderer der zweiten, dritten oder vierten Generation. Sie sind Deutsche mit Migrationshintergrund, wie es politisch korrekt heißt. Menschen, die auf dem schmalen Grat zwischen zusammenwachsenden Kulturen balancieren, was, wie bei so vielen Migranten, Identitätsprobleme bedeutet: Nicht hier, nicht dort, so beschreiben sie es, sind sie wirklich zu Hause. Und das macht sie wütend: "Weil wir das Gefühl haben, außen vor zu bleiben; weil es ein deutsches 'Wir' gibt, das uns ausgrenzt."
Dagegen schreiben Alice Bota, Özlem Topçu und Khuê Pham nun gemeinsam an, in der Zeitung wie im Buch. Sie demonstrieren ihren Stolz als "neue Deutsche". Sie präsentieren die Verletzungen, die ihnen die Gesellschaft aufgrund ihrer Herkunft aus Einwandererfamilien zugefügt hat. Sie decken Alltagsrassismus und strukturelle Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft auf.
Und sie rufen zur großen gesellschaftlichen Debatte: Seit Gründung der BRD, so argumentieren sie, habe es zwei Debatten um die Identität der Deutschen gegeben, nämlich 1945 und 1989. Jetzt müsse die dritte Diskussion geführt werden - die um die Einwanderer, die um die neuen Deutschen, und da sehen die Drei von der "Zeit" sich als "Stellvertreter für Millionen andere neue Deutsche".
So sympathisch und treffend das alles ist - so staunenswert ist es auch, wenn man bedenkt, dass genau die Debatte, als deren Vorreiter sich Alice Bota, Özlem Topçu und Khuê Pham präsentieren, längst geführt und im Prinzip abgeschlossen wurde: in den 90er-Jahren und um die Jahrtausendwende, zur Zeit der großen und heftigen Diskussionen um die Einwanderung.
Damals mussten Künstler, Musiker und Schriftsteller mit Migrationshintergrund tatsächlich noch um Anerkennung kämpfen, damals wurde über den Film "Kanak Attak", die doppelte Staatsangehörigkeit und Unterschriftsaktionen gegen Einwanderung gestritten. Eine Diskussion, die in breitem gesellschaftlichem Konsens endete - mit einem veränderten Gesellschaftsbild samt "neuen Deutschen".
Seitdem geht es eher darum, an der neuen deutschen Gesellschaft tatkräftig zu bauen, allen Hindernissen zum Trotz. Dass es Hindernisse gibt, ist klar, schließlich ist eine Gesellschaft kein Auto, das man einfach in eine andere Richtung lenken kann.
Man fragt sich also, warum drei kluge, wache und, na ja, nicht ganz unprivilegierte Mitarbeiterinnen der "Zeit" eine solch gestrige Debatte neu befeuern und sich damit letztlich bloß als Trittbrettfahrer einer Revolution hervortun, deren Kämpfe längst gefochten sind. Die Lektüre des Buches, in dem sie übrigens auch ihre eigenen Lebensgeschichten auf erlebte Rassismen abklopfen, lässt vermuten: Hier geht es weniger um die Sache an sich als um Selbstbespiegelung und Volkspädagogik, und das ist bekanntlich selten eine gute Mischung. Man fragt sich übrigens auch, ob die Drei mal überlegt haben, warum die "Zeit" ihre Aktion so unterstützt - ein Schelm, wer dabei an Umsatzzahlen denkt.
Glücklicherweise gibt es auch neue Deutsche, die immer wieder und auch mit ihren aktuellen Büchern auf ganz selbstverständliche Weise und ohne Opfergestus am neuen Deutschland bauen: Navid Kermani zum Beispiel, der sich in "Vergesst Deutschland!" als kritischer Patriot outet und dabei eine brillante Analyse der gesellschaftlichen Urgründe des NSU-Terrors liefert. Oder Selim Özdogan, der immer wieder Migrantenthemen aufgreift und doch ganz selbstbewusst als neu-deutscher Autor auftritt. So auch in seinem Geschichtenband "Der Klang der Blicke", der gerade herausgekommen ist. Oder Steven Uhly, der in "Glückskind" eine großartige, rührende, unkitschige Geschichte aus dem sozialen Abseits erzählt. Und das sind nur drei von vielen!
(Ulrich Noller)
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