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Thema

Alles Retro, oder was?

Die alte moderne Popkultur

Sendung vom 16. Oktober 2012

Pop hat seine Neuheit verbraucht. Mit dieser These aus seinem Buch "Retromania" legte der englische Musikjournalist Simon Reynolds im letzten Sommer den Diskurshit der Saison vor. Ein Jahr später erscheint die deutsche Übersetzung und wir fragen nach: "Wie viel Retro steckt im Global Pop?"

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Niko Aslandidis im Gespräch mit Christian Werthschulte

(16.10.12), 3'20


Ein Jahr ist es her, da ist ein Pop-Buch erschienen, das nicht nur gelesen, sondern auch diskutiert wurde. "Retromania" lautete sein Titel, geschrieben hat es der englische Musikjournalist Simon Reynolds. Seine These: Der Pop der Gegenwart hat sich in der Retro-Schleife verfangen. Musiker wie Adele oder The Strokes stellen Stile, Sounds und Bilder der unmittelbaren Vergangenheit nach, anstatt im Rückwärtsgang durch die Popgeschichte genügend Momentum für den nächsten Sprung nach vorne zu finden. Pop hat den Retro-Modus seit dem Erscheinen der englischen Originalausgabe im letzten Sommer nicht verlassen, sondern ist endgültig in der Mitte der Abendunterhaltung angekommen. Das Kulturprogramm der Olympischen Spiele reinszenierte das "Cool Britannia" der 1990er Jahre und der Rapper 2Pac wurde mit einem Hologramm-Auftritt auf dem Coachella-Festival sogar virtuell wiederbelebt. Und auch wenn Reynolds These generell wenig Überzeugungskraft eingebüßt hat, werden ihre Grenzen deutlich. "Retromania" ist eine Erscheinung des Westens.


Die globale Pop-Moderne

Simon Reynolds; Joy Press Bild vergrößern

Simon Reynolds

Baile Funk, Moombahton und die anderen Stile des Global Ghettotech, haben die Zukunft weiter im Visier. "Wenn man arm ist, romantisiert man die Vergangenheit nicht so, weil es dort noch mehr Armut, noch mehr Ausbeutung oder sogar koloniale Abhängigkeit gab", erzählt Simon Reynolds im Interview. "Modernität wird zu etwas, was man erreichen möchte, anstatt es abzulehnen." Das Streben nach Modernität, das Versprechen einer besseren Zukunft hat den Musikjournalisten (Jahrgang 1963) immer angetrieben, egal ob er es in der Rave-Szene ("Energy Flash", 1998) oder im Post-Punk gefunden hat ("Rip it up and Start again", 2005). Im Global Pop kommt noch eine räumliche Dimension dazu. Der nigerianische Sänger D'Banj drückt dies in "Oliver Twist" aus, wenn er über einem UK- Funky-Beat die globalisierten Stars Rihanna und Beyoncé als seine Idole feiert, anstatt in die Verwerfungen der afro-diasporischen Popgeschichte abzutauchen. Und auch wenn z.B. in der digitalen Cumbia traditionelle Harmonien mit Dance-Rhythmen verwoben werden, ist in der Regel nicht die Popmusik Lateinamerikas der letzten 40 Jahre das Samplematerial, sondern die Beats werden mit neuester Studiotechnologie programmiert.


Vintage in Benin

Einen Retro-Zugang zur Musik der ehemaligen Peripherie findet man dann auch eher in den Großstädten des Westens. In den letzten Jahren rückte vor allem afrikanische Musik der 1970er Jahre in den Fokus des Interesses weißer Hipster. "Die anglo-amerikanische Rocktradition ist mittlerweile ziemlich geplündert worden", meint Reynolds. "Wo soll man also als nächstes suchen? Man grast die Vergangenheit anderer Länder ab." Funk aus Westafrika oder Afro-Beat aus Nigeria lassen sich perfekt in eine Vintage-Hipster-Ästhetik einfügen. Ihr Sound ist analog und ein wenig dreckig, die Platten selbst sind aufwändig designt und vor allem selten: Originalpressungen des Orchestre Poly-Rythmo aus Benin werden im Internet mittlerweile für 40 Euro und mehr gehandelt. Retro ist die Suche nach Ähnlichkeit.
(Christian Werthschulte)





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